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Mittwoch, 11. Februar 2009

High Tension - Backnanger Rockmusik der ersten Stunde

Eingestellt von Chap



"Get Off Of My Cloud" von den Rolling Stones sollte meine erste Singleschallplatte werden. Das war 1965 im Sommer. Also fuhr ich mit dem Fahrrad von Sachsenweiler nach Backnang zum Burgel in der Nähe des Rathauses. Es gab dort eine Theke mit 4 oder 5 Kopfhörern, wo man seine Favoriten vorhören konnte. Die Hörer steckten einzeln in entsprechenden Löchern in der Theke. Von dort zog man diese hoch an die Ohren und lauschte dem, was der Verkäufer, natürlich von Hand, auf die Plattenteller legte. Meine Wunschplatte war tatsächlich da und ich erwarb das gute Stück für DM 4,--. Zuhause angekommen, legte ich meine Erwerbung auf und lauschte voll gespannter Erwartung dem anfänglichen Knistern. Alsbald tönte es aus dem Radiolautsprecher (Stereo gab es zwar schon, aber nicht bei uns zuhause). Doch was da raus kam, waren nicht die Rolling Stones, sondern irgendeine Blaskapelle. Entsetzt schwang ich mich auf meinen Drahtesel und zischte wieder nach Backnang, um meiner Entrüstung Ausdruck zu verleihen und den Austausch des Musikträgers zu verlangen. Der Verkäufer war einsichtig, jedoch war kein weiteres Exemplar dieser Aufnahme vorrätig. Ich wollte aber nicht ohne "Beute" heim fahren. So kam es, dass meine erste Single "Yesterday Man" von Chris Andrews war. Meine nächsten Käufe waren Barbara Ann von den Beach Boys, Hold Tight von Dave Dee & Co. und Paperback Writer von den Beatles.

Es muss wohl Anfang 1968 gewesen sein als ich Interesse am Schlagzeug spielen entwickelte. Maßgeblich beteiligt war mein Vetter Gerd, der selbst schon in der Band "(Name entfallen)" mitspielte und mir die allerersten Grundlagen beibrachte. Zunächst auf Sitzkissen und Polstermöbel probierte ich mit den Größen der Drummerwelt mitzutrommeln. Es machte Spaß und so war ich sehr interessiert als sich in meiner Schulklasse einige Kameraden zu einer Band formierten. Mein Problem war: ohne Schlagzeug keine Band. Das einzige Drumset, welches in Backnang erschwinglich war, sollte DM 350,-- kosten. Es war ein lausiges Teil, bei dem als Resonanzfelle Papier eingespannt war. Es gab aber nichts Besseres, also verdingte ich mich im Sommer 1968 als Ferienjobber bei AEG-Telefunken und schaffte es tatsächlich, das Geld in 4-wöchiger Knochenarbeitzu beschaffen (Stundenlohn ca. 2 DM).

Nach den Sommerferien ging es los mit den Proben. High Tension bestand anfänglich aus Dieter "Steppi" Müller -Bass, Herbert "Jungi" Junginger -Keyboards, Gitarre-Günter Eckert -Gitarre, Gesang-Reinhard "Chap" Kobald -Drums.

Einige Wochen später kam hinzu Winfried "Winni" Stahl -Gitarre, Gesang.

Unser Proberaum war im Keller von Jungingers Haus in der Kirschengasse 40 in BK-Steinbach. Wir genossen die intensive beinahe mütterliche Zuwendung von Jungis Mama. Regelmäßig wurden Kuchen und andere Leckereien gereicht. Zum benachbarten Mostkeller hatten wir uneingeschränkten Zutritt. Nur in ganz wenigen Fällen gab es Beanstandungen hinsichtlich der Lautstärke. Wir fühlten uns immer wohl in Jungingers Haus. (Der Clou: Selbst nach dem Ende von HT, als aus den Überresten von HT die Nachfolgeband Dactylus entstand, konnten wir in diesem Haus bleiben, obwohl Jungi gar nicht mehr dabei war. Das nenne ich großzügig.)

Die Instrumente und das übrige Equipment von HT waren sehr einfach und zum Teil selbst gebaut. Steppi Müller hatte Ahnung von Elektronik und lötete Verstärker und Lautsprecherboxen zusammen. Seine Glanzstücke waren Imitate von Marshall-Gitarrenverstärkern und die gigantische Allzweck-Lautsprecherbox mit den Ausmaßen und dem Gewicht eines amerikanischen Kühlschrankes. Die Box wurde von vielerlei Quellen angesteuert, deshalb war der Verlust an Transparenz nicht zu überhören. Jungis Orgel hatte damals die Angewohnheit, 2 Stunden nach dem Einschalten die Tonhöhe ständig zu verändern, was dem einem harmonischen Klangbild im Zusammenspiel mit den Gitarren abträglich war. Erst nach 2-3 Stunden hatte sich das Tasteninstrument auf eine Tonhöhe festgelegt und man konnte damit beginnen, andere Instrumente danach zu stimmen. Mama Junginger hatte also die Aufgabe, die Orgel samstags um ca. 11 Uhr einzuschalten, damit wir dann um 14 Uhr gleich loslegen konnten.

War unser Repertoire anfänglich eher rockig und bluesig, so lag das primär an Günter. Er brachte Stücke mit in die Probe, die er zuhause vorbereitet hatte, darunter Songs von Cream, John Mayall und Free. Wir wagten es sogar, Songs zu spielen, die selbst heute äußerst selten nachgespielt werden, wie In-A-Gadda-Da-Vida von Iron Butterfly oder "You Keep Me Hanging On" von Velvet Underground.

Mit dem Eintritt von Winni wurde unser Gesangspotential deutlich verbessert. Winnis und Günters Stimmen harmonierten gut und so konnten wir nun Songs mit anspruchsvolleren Gesangsparts probieren wie "Nights In White Satin". Winni gelang es sogar "Into The Fire" von Deep Purple zu singen, wenn auch hörbar am Limit. Auch Partysongs wie "La Bamba" von Richie Valens gehörten bald zu den Standards von High Tension. Die meisten Titel in unserem Repertoire stammten von Creedence Clearwater Revival (CCR). Proud Mary, Who'll Stop The Rain, Green River, Down On The Corner, Suzie Q. waren die bekanntesten. Ein Highlight zu Beginn von HT war "Apache" (Shadows) mit Jungi an der Sologitarre. Aber auch Jungis Orgelspiel bei "A Whiter Shade Of Pale" (Procol Harum) war und ist heute noch hörenswert.

Im Januar 1969 war es dann so weit: Es gab den ersten Gig (damals hieß das "Auftritt") im Gymnasium Backnang (damals das einzige Gymnasium in Backnang und deshalb ohne "Max-Born") anlässlich eines "Tanztees". Der Tanztee war eine unregelmäßige schulische Veranstaltung im Gymnasium Backnang, die heute unter dem Begriff "Disco" ablaufen würde. Der Ort des Geschehens war der "Projex" (Projektionssaal). Die Resonanz im Publikum eher verhalten. Das hatte wohl 2 Gründe: 1. Was war das für Musik, die da gespielt wurde? 2. Egal, was das für Musik war, die Darbietung war grausam. Also wieder zurück in den Probekeller und üben!

Im Laufe der nächsten 2 1/2 Jahre hatte HT 35 Gigs. Die meisten davon in Kasernen des amerikanischen Militärs. 1970 spielten wir dort monatelang 1 x pro Woche. Manchmal auch 2 mal (freitags und samstags). Damals war Samstag Schultag und es war immer spannend, sich selbst zu beobachten, wie man den Unterricht als Außenstehender überlebt, weil man erst um 3 Uhr im Bett lag. Die Zeit war zwar ziemlich stressig, aber durch die Vielzahl der Gigs in den Ami-Clubs kam ordentlich Geld in die Kasse. So konnte ich den Kredit für das Ludwig-Drum-Set (2000 Mark), welches ich im Sommer 1969 gekauft hatte, recht schnell zurückzahlen. Auch sorgten die vielen Gigs für den Feinschliff sowohl im Sound als auch bei der Spieltechnik.

Es gibt eine Vielzahl von Tondokumenten von den Proben im Keller und einigen Auftritten. Steppi Müller hat diese feinsäuberlich archiviert und mir anlässlich meines 50. Geburtstages einige CDs zusammengestellt. Ein paar davon sollen hier auch zugänglich gemacht werden. Es sind "einfache" Aufnahmen dabei, die auch so klingen (Kassettenrekorder mit Mikrofon auf irgendeinem Tisch im Saal, z.B. der Auftritt in der Handelsschule Seminar), aber dennoch einen Eindruck von der Atmosphäre vermitteln. Und es gibt wirklich gelungene Mitschnitte, die zeigen, dass diese Truppe gut harmonierte, in der aber auch noch viel Potential steckte. Leider kam für HT im Juni 1971 nach dem Auftritt beim 1. Backnanger Straßenfest das Aus. Jungi und Winni gingen zum Wehrdienst bzw. studieren.

Die übrigen Musiker von HT kamen allesamt in anderen Formationen unter. Auch Jungi und Winni kehrten bald darauf wieder in die Backnanger Musikszene zurück. Aber das ist eine andere Geschichte.

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich bekomme gerade total nostalgische Gefühle, kann mich an High Tension, Dactylus und an Blue Grass sehr gut erinnern, auch an die Tanztees im Gymnasium. Es gab auch vom Juze (damals noch im Heininger Weg), in dem ich zu jener Zeit aktiv war, organisierte Auftritte (z.B. im Bahnhofshotel). Günter Eckert, mit dem ich in einer Klasse war, spielte ja auch bei Blue Grass mit Uli Riexinger zusammen. Noch ein Nachtrag: Ich habe noch die (ich glaube einzige veröffentlichte) Single von Nirvana Pancake, auch eine der "bekannteren" Backnanger Bands dieser Zeit.

Florian Janner hat gesagt…

Endlich ein Kommentar zu diesem super Artikel. "Tanztee" ist ja mal ein wirklich fieses Wort, und "Nirvana Pancake" dafür ein großartiger Bandname! Was für Musik haben die denn gemacht? Dem Namen nach zu urteilen sicher bewusstseinserweitert-psychedelisches. Gibts denn die Möglichkeit, das Gute Stück zu digitalisieren? Die Nachwelt und ich wären dir, werter Anonymus, sehr verbunden.

Anonym hat gesagt…

Sorry, war im Urlaub;-)
Ich werd mal recherchieren, ob und wie ich die Platte digitalisieren kann. Ich meld mich dann, damit du mir schreiben kannst, wie ich es dir gegebenenfalls zukommen lassen kann.
Habe gerade auch die einträge über The Pipes und Tiger Rubin gelesen, mann, da kommen alte Erinnerungen hoch.... Weißt du eigentlich was darüber, ob es mit dem Buch über das Juze noch was wird (Armin Holp hatte es vor Jahren mal angefangen)?

Anonym hat gesagt…

@Florian:
also: Nyrvana Pancake hatte ne single rausgebracht: A-Seite: Open Your Eyes, B-Seite: Lonesome Boy, müsste so um 1972/73 gewesen sein. Die 4 Jungs haben mir auch auf meinem Cover ihre "Autogramme" gegeben: Der Sänger war Hamppy (aus Backnang), der Bassist Pusher (Werner Bauer war sein richtiger Name, so weit ich mich erinnern kann, war aus Winnenden, hatte später - so weit ich weiß - Anyones's Daughter aus Stuttgart produziert), Walter und den letzten Namen weiß ich nicht mehr, kann ihn auf dem Cover auch nicht mehr richtig entziffern. Als Nachnamen stehen auf der Platte Negerle und Nerlich, letzterer war glaube ich Hamppy. Sie traten des öfteren in BK, WN, Murrhardt... auf. Tja, die Erinnerung lässt halt nach über 35 Jahren, die ich jetzt von BK weg bin, doch ein bisschen nach, aber vielleicht wissen ja Chap oder Gert noch was mehr???

Anonym hat gesagt…

Hallo, die Band nannte sich später nur noch Pancake und an der Gitarre stand 1975 Thommy Metzger, heute bekannt als Tommy Newton, der Produzent von Bands wie z. B. Helloween. Er lebt mittlerweile in Norddeutschland. U. a. produzierte er auch das Album von Sanvoisin, die einen griechischen Sänger namens Vagelis Maranis hatten. Und wo hat dieser heute sein Studio? Na? Jawoll, in Backnang. Und produziert dort u. a. Cockroach, Crisis never ends und viele mehr. Die Welt ist ein Dorf und Backnang der Mittelpunkt, gell? :-) Gruß, Marina von GEDDESS

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